11.04.26 Mein persönlicher Ikarus Moment
Heute treffe ich mich mit Urs in Mollis um den Jahreskontrollflug zu machen. Als Routing habe ich mir einen "Klassiker" zusammengezimmert, den man innert einer Stunde gut hinbekommt. Und zwar geht's an Wangen-Lachen vorbei nach Einsiedeln, von dort nach Andermatt und dann über den Kistenpass wieder in's Glarnerland nach Mollis. Ich war zwar in den Tagen zuvor noch ein bisschen verschnupft, aber das hat sich zum Glück schon fast ganz verzogen. So satteln wir also HB-KTT und machen uns, nach einem ausgiebigen Briefing, auf den Weg. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite und wir steigen gut auf bis in's Gebiet von Göschenen. Hier macht sich eine aus dem Wetterbriefing bereits erwartete Höhenströmung aus Westen bemerkbar, die uns durchrüttelt. Aber alles in allem nichts gravierendes, wir überstehen das Geholper ohne Weiteres und biegen nach Osten weg in Richtung Disentis. Hier ist der letzte Decision Point, an welchem ich entscheide ob das Wetter gut genug ist für den Sprung über die Grenze zwischen Glarus und Graubünden. Häufig kleben hier Wolken zwischen Clariden, Tödi und Hausstock. Doch heute sind sie sprichwörtlich weggeweht bzw. bleiben auf der Bündner Seite, wo sie mich nicht tangieren. Zwei Segelflieger haben sich darunter festgebissen bzw. ziehen weite Kreise in ihrem Aufwind. Ich passe mein Routing spontan an, lasse ihnen genügend Platz für ihr Hobby und steige auf gute 11'000 Fuss. Schon kurz hinter der Krete wechsle ich in den Sinkflug, denn Mollis ist schon in Sichtweite. Der Kanton ist halt schon grausam kurz, wenn man in einem Flieger unterwegs ist. Und hier nimmt das Unglück seinen Lauf. Denn das "...in den Tagen zuvor ein bisschen verschnupft aber eigentlich schon fast wieder ganz gut" meldet sich jetzt. Der Druckausgleich im rechten Ohr will nicht so wie üblich. Das ganze Repertoire an Gesichtsakrobatik und erzwungenem Gähnen führt nicht zum Erfolg. Auch zwei zusätzliche Vollkreise zum langsamen Absinken bringen nicht den gewünschten Erfolg. Mir wird schlagartig bewusst, dass ich wie Ikarus zu nah an die Sonne heran geflogen bin mit den 11'000 Fuss. Die Flügel schmelzen mir zwar nicht weg, aber der Druckunterschied zwischen der Aussenwelt und dem Innenohr wird immer grösser, bis dann irgendwann die rohe Gewalt der Physik meinen Körper bezwingt. Zwischen der ersten Positionsmeldung über Schwanden und dem Einbiegen in den Downwind knallt, sticht und rumpelt es ein paar mal im rechten Ohr, danach ist Ruhe. Wortwörtlich. Ich höre nix mehr auf der rechten Seite. So entgehen mir mutmasslich auch all die Komplimente, Preisungen und Lobgesänge, die Urs sicherlich abgehalten hat während der Landephase. Nach dem Ausrollen, prüfe ich dann kurz mit der Hand, ob mein Innenohr sich nach aussen gestülpt und sich im Headset verteilt hat oder ob der Körper sich sonst irgendeinen Specialeffect geleistet hat. Aber alles gut: kein Blut, keine Knochen oder was da sonst noch alles rausfliegen könnte im Kopfhörer drin. Der Amateur HNO-Arzt in mir gibt Entwarnung: "Kaputt ja, aber immerhin noch alle Teile da.". Ein mulmiges Gefühl ist's trotzdem. Immerhin kommt das Hörvermögen dann aber langsam zurück. Und heute, wo ich diesen Text nun endlich mal schreibe (es sind mittlerweile schon mehr als zwei Monate vergangen) merke ich quasi nix mehr. Und natürlich war ich seit dann wieder im Flieger unterwegs, sowohl als Passagier als auch als Pilot.
17.04.26 ... fast vergessen
Eine Woche nachdem ich meiner körperlichen Zerbrechlichkeit wieder mal bewusst wurde sitze ich schon wieder neben Urs in einem Flieger. Wir hatten nämlich vergessen, dass wir ja eigentlich noch einen anderen Platz hätten anfliegen müssen. Das holen wir heute nach und packen noch ein bisschen Airwork dazu, damit's ein erfüllter Nachmittag werden kann. Allzu hoch hinaus will ich aber nicht - ein bisschen mulmig ist's mir schon noch mit meinem immer noch gedämpften Hörvermögen. Ist aber kein Problem, das höchste der Gefühle werden heute irgendwie so 5000 Fuss. Die erreiche ich über Unteriberg, während ich mich auf Urs' Geheiss vorbereite für einen völlig unerwarteten Motorausfall. Über den See talauswärts suche ich nach einem geeigneten Landefeld. Der See soll's nicht werden, denn mit einem kaputten Ohr geht man besser nicht in's Wasser. Habe ich irgendwann mal gehört.
Haha, "gehört".
Damals, als ich noch ein gehörig höriges Gehör hatte. Hahaha.
Ja ist gut, ich hör mit den unerhörten Wortspielen auf.
Jedenfalls finde ich ein schönes unverbautes Feld. Es genügt den Ansprüchen meines Nebenmannes und die Übung wird abgebrochen. Weiter geht's nach Wangen-Lachen und dort - zu meiner Überraschung - nicht auf die Wiese, sondern auf so "Marston Mats". Nein, ich prahle hier nicht mit irgendwelchen Fachausdrücken, ich kenne diese Bodenplatten bislang nur aus dem Modellbau. Hab da ja letztes Jahr eine OV-10 Bronco gebaut, die auch auf eben solchen Marston Mats steht. Wie auch immer die Dinger korrekt heissen wollen; es fährt und läuft sich darauf deutlich sicherer und sauberer als auf einer aufgeweichten und von Gänsen, Störchen, Enten und Schwänen zugesch*ssenen Wiese. Endlich hat mal jemand diese unsägliche Natur aufgeräumt. Nach einer kurzen Stärkung und Manöverkritik im Gartenbeizli geht's dann auch schon wieder zurück nach Mollis, das Ohr macht mit und auch sonst passiert nicht mehr viel was mich davon abhält in's Znacht im Uschenriet zu gehen - Mama hat Geburtstag :)
18.04.26 Pushing the limits
Damit ich auf meine Stunden komme, habe ich mir HB-KTT gleich nochmals geschnappt und mir ein Routing in "flacherem" Gelände zusammengestellt. Das mit meinem Ohr hat mir dann schon einen Schauer den Rücken hinunter gejagt. Also lieber auf Nummer sicher gehen und dafür auch weiterhin Musik in Stereo hören können. Oder halt generell nicht die ganze Zeit den Kopf verdrehen und "Hääää?" sagen müssen. Das hat nämlich in den letzten Tagen schon genervt. Anyway; Heute mache ich einen grossen Bogen um den Säntis und - je nach Laune/Wetter/Gesundheit - schlage ich dann noch einen Haken in's Bünderland.
Und so geht's am Samstagmittag los, bei recht gutem Wetter. Der Himmel ist belebt, es hat Wolken, ein bisschen Wind und viele mobile Luftfahrthindernisse (Flugzeuge, Helis, Segelflieger, Gleitschirmler und andere Vögel). Die Saison ruft sie alle hinaus und hinauf, man merkt's. Vorbei am Flugplatz Schänis sehe ich unter mir viele Segelflieger auf dem Platz, einen Schleppzug sehe ich im Kollisionswarner. Die werden da heute im Akkord hochgewuchtet und ich bin froh, als ich über dem Autobahnkreuz Reichenburg diesen Bienenstock hinter mir lassen kann. Über dem Ricken kreuze ich dann noch zwei andere Flieger, die allerdings in die Gegenrichtung unterwegs sind. Die wollen wahrscheinlich den neuen Boden in Wangen-Lachen in Augenschein nehmen. Auf dem Weg über's Appenzellerland melden sich immer wieder mal Kontakte auf meinem Tablet und im FLARM. Mal ist's ein Heli, mal ein Flieger und über dem Bodensee wird sogar ein Zeppelin gemeldet. Was aber meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist das Gebiet um den Säntis rechts von mir und eine flauschige Cumuluswolke direkt vor mir. Beide sind regelrechte Magnete für die unmotorisierten Konkurrenten im Luftraum. Also die Segler und Gleitschirmler. Und so sieht es dann auch mein Tablet. Ich muss reinzoomen, damit ich die Kontakte alle auseinander halten kann. Da scheint es wohl sone Art fliegenden Rattenkönig zu geben. Ich entscheide mich dann dafür, dass ich mich vom Säntis und dem Knäuel fern halte und mein Glück in der Nähe der Wolke versuche. Dort kreisen "nur" grad zwei Segler und ein Gleitschirm. Ich gehe davon aus, dass die mit sich selbst schon genug beschäftigt sind und mich wohl nicht kommen sehen. Ich schätze ihre Flugwege ab und bin mir sicher, dass ich gut an denen vorbei komme. Die werden ihren sicheren Aufwind unter der Wolke sicherlich nicht aufgeben, bis sie nicht ihren Kopf schon fast in der Wolke haben. Und so ist's dann auch, ich ziehe mit grossem Abstand an ihnen vorbei und befinde mich sogleich im Rheintal. Den Bodensee lasse ich hinter mir und ziehe am hohen Kasten vorbei in Richtung Bad Ragaz. Bislang hat's das Gehör gut ausgehalten also gurke ich noch bis Bonaduz weiter und drehe dann um Richtung Chur und Walensee. Für heute reicht's dann auch, denn wenn ich noch weiter fliege steige ich dann doch wieder zu hoch und riskiere am Ende noch was Ernstes. Ausserdem "muss" ich nächste Woche noch in's Ausland und da geht's dann als Passagier noch viel weiter hoch. Aber immerhin in einer Druckkabine - hoffentlich funktioniert die...
Ende April '26 Ferien
Ich langweile dich jetzt nicht auch noch mit einem Ferientagebuch. Erfreu dich einfach an den Bildern ;-)
16.06.26 In die Berge!
Heute geht's wieder mal in die Berge, auf dem Programm steht das Bündnerland mit folgender Route: Walensee - Landquart - Davos - Flüelapass - Scuol - Davos - Chur - Lenzerheide - Marmorerasee - Chur - Walensee. Zwei Stunden sollte das so in etwa dauern. Das Wetter ist mehrheitlich passend dafür, allerdings ist die Wolkendecke und die Nullgradgrenze heute allenfalls ein bisschen knapp für den Flüelapass. Aber das sehe ich ja dann in der Gegend von Davos und kann dann immer noch spontan umdisponieren. Ich hab aber grad keine Zeit zum Schreiben - komm später wieder.
17.06.26 Nochmals in die Berge!
Ja und für das habe ich grad noch viel weniger Zeit zum Schreiben. Kannst du ja dann lesen, wenn du später wieder gekommen bist um das obige zu lesen. Zuerst kommt hier aber noch ein Nachruf:
21.06.26 Blue Skies, Maverick
Ich bin sonst eher der Hunde-Freund. Aber wenn ich ehrlich bin haben alle Tiere, die mich nicht beissen, stechen oder ginggen fast genau so viel Platz in meinem Herz. Ein spezielles Plätzchen haben natürlich alle die, mit denen ich eine gemeinsame Erfahrung verbinde. Zum Beispiel die Berner Platzkatze "Maverick". Als aufmerksamer Leser meines Tagebuchs hast du Maverick schon kennengelernt im Eintrag "03.03.22 Flug 9.4". Damals habe ich ihn einfach "die ortsansässige Mäusejagdmaschine" genannt und so ganz falsch ist das auch nicht. Denn Maverick heisst erst seit Sommer 2024 so, als das Radio nach einem Namen für ihn suchte. Davor hatte er keinen Namen, weil er eigentlich gar nicht so richtig auf den Flugplatz gehörte. Er kam halt einfach immer wieder und irgendwann ging er auch nicht mehr weg. Bekanntheit erlangte er unter anderem dadurch, dass er nach der Landung der Helvetic Maschinen jeweils wartete, bis die Treppen angedockt waren und sich dann als Willkommenskommando neben die unterste Stufe setzte. Oder als er den Bartli anmauzte, als der sich erlaubte einen Kaffee aus der lauten Maschine im C-Büro zu holen und Maverick damit unsanft aus seinem Schlaf auf dem Sofa riss.
In der Nacht auf den 20.06.26 hat's Maverick nun erwischt. Nicht auf dem Flugplatz, wo überall Gefahren lauern, nein - auf der Autostrasse neben dem Platz. Die Meldungen über Social Media des Flughafen Berns berührten enorm viele Personen, sogar die Stuttgarter Zeitung greift die Story auf. Ich will das hier gar nicht noch weiter ausschlachten sondern auf diesem Weg dem Fellbomber den Wunsch zukommen lassen, den alle Piloten auf ihrem letzten Flug hören: Blue Skies.









