ready for departure
Mein digitaler Flugplatz

Multitasking

Der Titel suggeriert, dass ich neu mehrere Sachen gleichzeitig machen muss. Gut, eigentlich stimmt das schon - aber vorher war's auch schon so. Eigentlich habe ich nur keinen besseren Titel gefunden. Aber egal, es geht ja um den Inhalt und nicht um die geistreichen Titel. 


05.11.2020

Heute stand zum ersten mal ein VOR auf dem Menü. VOR ist die Abkürzung für "VHF Omnidirectional Radio Range". In's deutsche vergewaltigt also ungefähr ein "Ultrakurzwellen Rundum-Ortungs-Turm". Stell dir einfach einen Leuchtturm vor, welcher anstatt mit Licht mit Funk arbeitet - viel mehr musst du eigentlich auch nicht wissen und momentan sieht's bei mir noch ähnlich aus. Rudimentär und hemdsärmelig die Funktionsweise erklärt: Auf der Luftfahrkarte sind schweizweit 11 VOR-Stationen ersichtlich, primär im Mittelland verstreut. Jede Station hat eine feste Funkfrequenz. Diese kann man aus dem Flugzeug "anpeilen" und bekommt dann auf einem Instrument im Cockpit (dem Radio Magnetic Indicator - glaub ich zumindest. Vielleicht ist's aber auch der CDI oder der HSI. Oder CSI Miami.) eine direkte Linie zu dieser Station angezeigt. Man kann dann auch noch einstellen, in welchem Steuerkurs man von diesem VOR wieder weg fliegen möchte, aber das sprengt den Rahmen für die Zielgruppe dieses Blogs. Wen's interessiert: Wikipedia oder Youtube

Da heute typisches Herbstwetter ist (tiefe Wolkendecke, hier und da Nieselregen) werden wir heute relativ tief fliegen müssen. Das nächstgelegene VOR heisst "ZUE VOR" und liegt ca. sechs Kilometer nordwestlich von Frauenfeld. Um dorthin zu gelangen, fliegen wir durch's Tösstal auf ca. 2700 Fuss. Wir sind also meist unterhalb der Kreten die das Tal eingrenzen und können das, was wir überfliegen, gut erkennen. Während ich so der Eisenbahnlinie folge, die Landschaft links und rechts auf gleicher Höhe vorbei zieht und ich von der Sauerstoffmaske einen schwarzen Rahmen um die Nase sehe, habe ich schon fast das Gefühl ein Jagdpilot zu sein, welcher gerade im Tiefflug Züge randvoll mit Nazigold jagt. Ein Selfie zeigt mir, dass dem definitiv nicht so ist. Ich bin nach wie vor ein Bartli mit Glarnertüechli im Gesicht und GoPro auf der Stirn. Letztere war übrigens gar nicht eingeschaltet, aber dazu später mehr. 

Irgendwann erreichen wir dann unsere "Ausfahrt", wir biegen vor Turbenthal nach Osten in Richtung Bichelsee ein und das Wetter wird besser. Entsprechend passe ich die Flughöhe an, damit die Weihnachtsbäume auch in diesem Jahr einen Kopfschmuck tragen können. Ein paar Meilen vor dem VOR beginnen wir mit der Peilung. Die Frequenz ist eingestellt, Hotel Zulu Bravo hört die Signale und zeigt mit dem Finger in die richtige Richtung. Und dann beginnt Urs nebenan Infos zu liefern. Erst häppchenweise, bald aber fühle ich mich wie eine Gans bei der man auf die Stopfleber aus ist. Der eine Zeiger zeigt zum VOR, ein anderer zeigt unseren Kurs, alles ist munter und sicherlich sinnvoll in Bewegung und dann wirbelt alles plötzlich durcheinander. Wir sind direkt über dem VOR, im sogenannten "Cone of Silence", quasi dem Funkschatten des Senders. Ein Indiz, dass uns die Anzeigen jetzt dann um 180° verkehrt angezeigt werden. Oder so. Ich muss das demnächst nochmals in der Theorie studieren und mir auf Youtube erklären lassen. Wir machen ein paar Anflüge und irgendwie gelingt mir das einstellen und anfliegen zwar, aber so ganz will der Groschen noch nicht fallen. Okay, ist jetzt auch nichts, was ich vorhin schon mal irgendwie gemacht habe. Aber Urs, die Theorieordner das Internet werden mir da schon noch helfen. 

Die Tage werden kürzer und so ermahnt uns die Uhr, dass der Rückmarsch angesagt ist. Der Wolkendeckel tut sein übriges, denn der filtert auch nochmals eine gute halbe Stunde Tageslicht weg - also nichts wie ab nach Mollis. Dort angekommen wird Zulu Bravo nochmals aufgetankt und von Urs gleich nach Bad Ragaz überführt, da der "Service" ansteht. Meinem Meister treu ergeben folge ich ihm, damit er von Bad Ragaz auch wieder zeitnah zurückkommt. Im Normalfall passiert das mit einem zweiten Flugzeug. Da ich aber mit dem Breezer noch nie in Bad Ragaz war und das Tageslicht immer knapper wird, haben wir uns schon im Vornherein entschieden, dass ich das Bodenpersonal bleibe und den Shuttle mit dem Auto mache. 

Übersprudelnd mit männlichen Hormonen und der unbeirrbaren Sicherheit, keine Karte oder Richtungsangaben zu benötigen mache ich mich also auf den Weg. Unzählige in den Bart gemurmelte Flüche über den Nutzen von temporären 80er-Strecken, leeren Baustellen und Fahrbahnsanierungen im Allgemeinen biege ich in Sargans rechts ab und hangle mich in Richtung Flugplatz. Die Strassen werden schmaler. Die Strassenlaternen weniger. Und dann passiert es, das erste mal hilft mir meine Erfahrung als angehender Pilot weiter. Ich suche Maisfelder, orientiere mich an der gedachten Platzrunde und finde tatsächlich auf Anhieb den richtigen Abzweiger - gut, der Wegweiser hat geholfen. Ich wär sonst dran vorbei gedonnert. Aber ich finde den Flugplatz Bad Ragaz und sehe überraschend meinen heimlichen Schwarm auf der Wiese stehen. Ja, sie ist ein bisschen älter und fülliger und man würde sie jetzt nicht als eine Grazie bezeichnen, man sagt ihr auch grossen Durst nach - aber ich mag die Antonov-2 einfach. Viel zu sehen gibt's aber im Moment nicht und meine Finger finden den Herbst auch nicht so toll. Also suche ich Urs und finde ihn im Hangar bei der Übergabe. Ein paar Minuten später sind wir auch schon wieder auf dem Weg nach Mollis, wo's noch das Abschlussbriefing gibt. Und dann gibt's auch schon selbst gemachte Pizza bei Mama und Papa. War dann zwar diese Woche schon die dritte Pizza, aber hey - Pizza geht immer!

Das mit der GoPro war übrigens wieder mal ein Schuss in den Ofen. Es wird zum Running Gag. Irgendwie hab ich es geschafft, die Momente zu filmen, die ich nicht filmen wollte und dafür aber während dem Flug nicht zu filmen. Und den Ton hat sie auch wieder nicht vom Intercom genommen. Es ist zu Haaröl seichen. Damit's aber keine totale Nullnummer wird, habe ich die 20 Minuten rauschen im Rucksack, die dumpfen Motorengeräusche von Flugzeugen vor dem Hangar oder das gemütliche Schlendern inklusive Pfeifen von mir herausgeschnitten und daraus zwei Minuten "Preflight Shenanigans" zusammen gebastelt. Einfach um zu zeigen, dass die Perspektive mit dem Stirnbanddings eigentlich gar nicht mal schlecht wäre ;-)