ready for departure
Mein digitaler Flugplatz

Stell dir vor, hier stünde ein passender Titel. Danke. Vielleicht kommt ja in Zukunft sogar noch einer.

Die Schule habe ich hinter mir - jetzt bin ich irgendwie vogelfrei. So richtig vorbereitet hat mich niemand auf diesen Zeitpunkt. So richtig bewusst wird mir das erst, als ich die Lizenz in den Händen halte. Ich kann ab sofort aus einer Bierlaune heraus in ein Flugzeug steigen und es dort hin steuern wo ich will. Klar, unter zig Voraussetzungen. Z.B. dass ich dann keine Bierlaune haben darf. Aber du weisst was ich meine. 
Auch hier im Blog stehe ich grad ein bisschen verloren da. Klar, ich habe gewusst, dass der Moment kommen wird. Aber das war halt irgendwie immer das Problem vom Zukunfts-Marco, nicht vom Gegenwarts-Marco... Na, ich stolpere da jetzt mal irgendwie rein und schaue wie sich das entwickelt. Irgendwas werde ich  eh immer finden zum drüber schreiben. Und wenn dir die Themen mal arg auf den Senkel geht oder du eine zündende Idee hast: Schreib mir! Echt, ich bekomm gerne Fanpost. Oder Hassmails. Kriegst auch sicher einer Antwort.

Die Chancen stehen relativ gut, dass du meinem Link aus dem letzten Kapitel meines PPL-Tagebuchs gefolgt bist. Entsprechend erwartest du eine Geschichte und du sollst nicht enttäuscht werden.
Mit fulminanten Schlagwörtern geht's los: 
Lügen! Unterschlagung! Anmassungen! Üble Nachrede! Darum geht's nämlich in der Vorgeschichte zu meinem ersten Flug als Pilot in Command. Vielleicht ist's dir aufgefallen - der "Bericht" zur Prüfung brauchte recht lange, bis er mal online war. Okay, wahrscheinlich hast du's nicht  bemerkt. Hast ja noch andere Hobbies als meinen Blog zu lesen. Aber tu doch jetzt einfach so, als ob. Item, die Anekdote hängt nochmals mit der (bestandenen) Prüfung vom 12.07. zusammen. Denn wie üblich ging's nachher in's "Grotto dei genitori", also zu Mama und Papa zum Znacht. Der lang gereifte und verwegene Plan war dann, dass ich Mama nix erzähle und sie demnächst mal mit einem Flug überrasche. Also weihte ich Papa ein und der musste irgendeine Geschichte ersinnen, wie er Mama auf den Flugplatz lockt. Oder ihre eigenen Pläne irgendwie durchkreuzen kann.
Ärgerlich war dann aber, dass das BAZL ewig brauchte um die Lizenz auszustellen. Die Rechnung hatte ich zwei Tage nach der Prüfung - die Lizenz aber kam und kam nicht... Nach zwei Wochen fings mich dann an zu 
wurmen und ich telefonierte herum. Eine neue Lizenz wurde vom BAZL auf den Weg geschickt. Ich prüfte aus Spass an der Freude trotzdem zum dritten mal das Altpapier und siehe da: In einem Prospekt für Matratzen kam das Couvert dann doch noch zum Vorschein. Nachdem das Zettelchen jetzt in meinen Patschehändchen war, nahm der Plan endlich konkretere Formen an. Aufgrund von Wetteraussichten, ausgebuchten Fliegern, dem 01.08. und meinen eigenen Ferien gab's dann eigentlich nur noch ein einziges mögliches Datum: 02.08. Kurzer Check mit Papa: Mama hat dann noch nichts vor.


02.08.22 - Die erste Passagierin

Überraschung geglückt - Mama und Papa kommen pünktlich um 0830 am Flugplatz an. Den Spruch "Urs ist heute nicht da, musst halt du mitkommen" winkt Mama lachend ab. Aber nach zwei, drei Beteuerungen, dass ich die Prüfung vor drei Wochen bestanden habe, nimmt mein erster Passagierflug seinen Lauf. So ganz gleich wie das Boarding in einen Ferienflieger ist das Einsteigen bei der "Bartli Air" nicht, aber nach einem halben Spagat klappt's dann doch auch. Auch die Sache mit den Gurten ist anders (4-Punkte-Harness anstelle Bauchgurt oder wie der heisst in Airbus und Co.) und nach ein paar weiteren Minuten ist Mama eingespannt und festgezurrt. Es kann los gehen!

Passt, wackelt und hat Luft.

Für die Route habe ich mich nicht weit aus dem Fenster gelehnt, sondern vertraue auf "Altbewährtes": Mollis - Walensee - St. Gallen - Ricken - Rapperswil - Mollis. Ist aber auch ein guter Mix aus Bergen, Hügelchen und Seen. Eine gute Stunde werden wir unterwegs sein, Papa wird instruiert (er muss ja die Landung dokumentieren und dann den Shuttle vom Flugplatz zum Hotel, äh, Zuhause für Mama stellen) und dann geht's auch schon los über Piste 19. Mama übernimmt die Dokumentationsaufgaben von Papa nahtlos und lässt das Handy glühen. Und gleich beim Start passiert schon das erste Ausrufezeichen, denn ein Vogel (Bussard oder sowas aus dieser Familie) kreuzt unseren Weg - welchem ich aber gekonnt ausweiche. Bei Mama wirkt ggf. noch das "Start-Adrenalin"; kein Geschrei, keine Panik - oder sie ist von Haus aus schon so cool und abgebrüht wie nach 20 Flügen mit mir.
Über dem Walensee steigen wir auf 6000 Fuss und ich bin froh, dass die Luft so ruhig ist. Wär kein toller erster Flug, wenn's jetzt schon Turbulenzen hätte. Aber nicht nur der Wind ist uns wohlgesonnen. Auch der Rest vom Wetter macht super mit. Ein paar Cumuli über den Bergen, weit oben vereinzelte Cirren, richtig schön anzusehen. Und super Fernsicht. Mama ist begeistert und ich, obwohl ich es schon hunderte male gesehen habe, auch. Immer wieder auf's Neue.
Wir biegen ein in's Rheintal und sehen in der Ferne schon den Bodensee. Aber zuerst gibt's noch links den Säntis und rechts Malbun zu sehen. Und den Rhein. Und den "Hoher Kasten". Und Diepoldsau mit dem alten Rhein. Über Altstätten schalte ich die Frequenz von St. Gallen - Altenrhein auf, damit ich höre ob die da über uns fluchen oder mir Flieger in's Gehege kommen (oder ich ihnen). Aber wir haben alle genug Abstand zueinander und kommen ohne Probleme aneinander vorbei. Mama freuts, sie kann einem Basler zuhören, der grad einen Anflug auf Piste 28 macht.
Über Mostindien gibt's zudem noch "neue" Wölkchen zu bewundern. Wie wenn eine grosse Cumulus zerrupft wurde, liegen 300, 400 Meter über dem Boden dutzende kleine Wolkenfetzen (siehst du unten im 360° Foto links hinter Mama). Wir fliegen über St. Gallen nach Herisau und weiter in Richtung Wattwil. Ab hier hören wir auf der Frequenz von Wangen-Lachen mit, da wir in "ihrem" Garten unterwegs sind. Und hier läuft dann auch einiges, zwei sind in der Volte und einer zischt grad ungefähr auf unserer Höhe vor uns davon. Sehen tun wir ihn zwar nicht, aber er meldet sich recht bald von der Frequenz ab und ist entsprechend rasch schon kein Faktor mehr für uns. Wir umfliegen die beiden Inseln Ufenau und Lützelau und sind schon wieder über Rappi. Den "Heimweg" nehmen wir via Uznach und Reichenburg unter die Flügel, wo Mama dann via Handy auch Papa über unsere baldige Ankunft informiert. 
Langsam werde ich nervös. Klappt die Landung heute? War die Pannenserie bei der Prüfung der Nervosität geschuldet oder bin ich einfach ein schlechter "Lander"? "HZC, Overhead 3000 feet.". Speed stimmt. Höhe stimmt. Full Flaps und in die Base. Ich melde den Einflug in die Base, weil ein Heli irgendwo hinter mir im Anflug auf Mollis ist und die Piste kreuzen werden will. Keine Antwort. Speed stimmt immer noch, vielleicht ein bisschen auf der hohen Seite, aber nicht schlimm. "HZC, turning final runway 01, full stop". Und jetzt meldet sich der Heli. Wir sehen uns beide, er kreuzt die Piste. Alles im Lot. Die Höhe stimmt, der Aiming Point sitzt, Speed stimmt auch. Kommt nicht schlecht. Und siehe da, ich setze ganz passabel auf. Der Fluch ist gebrochen. Aus Mama's Warte war's natürlich eine absolut supersanfte und perfekte Landung. Mein Ego ist poliert aber ich bin auch ohne das Lob von Mama ordentlich zufrieden mit meiner Leistung. So kann's weitergehen.