ready for departure
Mein digitaler Flugplatz

Flugsimulation - bringt's wirklich was (ausser dem offensichtlichen Spass)?


Im Prolog zu meinem Tagebuch erwähne ich den "Missing Link" zwischen Informatiker und Piloten, die Flugsimulation auf dem heimischen PC. Es trieb mich die Frage um, ob mir der Flugsimulator evtl. in meiner Ausbildung was bringt oder es halt einfach eine Nebenbeschäftigung ohne Mehrwert darstellt. Nach den ersten Lektionen bin ich nun bereit zu einem ersten Fazit. Allerdings gibt's kein einfaches "Ja" oder "Nein" - wär ja auch ein recht kurzer Beitrag geworden sonst.

Lange war die Aviatik das Kerngebiet jeglicher Simulatoren am PC, der Platzhirsch quasi. Entsprechend viel Zeit ist vergangen, um dieses Genre zu perfektionieren und ja; es hat sich einiges getan seit Microsoft den "Flight Simulator" im Jahre 1984 herausgebracht hat. Deren Referenzprodukt, "FS X", hat mittlerweile schon mehr als zehn Jahre auf dem Buckel und wird mit tonnenweise Zusatzsoftware von Drittanbietern am Leben gehalten. Der grösste Gegenspieler im General Aviation Hobbybereich ist "X-Plane", mittlerweile in der elften Iteration. Daneben schiessen immer wieder Flugsimulatoren aus dem Boden, welche eine grosse Bandbreite von Arcade bis Simulation abdecken, zuletzt z.B. das bereits an anderer Stelle erwähnte "Flight Sim World" (mittlerweile eingestellt). Halten bzw. behaupten können sich die letztgenannten nur selten.

Genug der Vorworte und Einleitungen, kommen wir zum Kern der Sache. Ja - der Flugsimulator kann Unterstützung in Teilbereichen der PPL Ausbildung bieten. Unter bestimmten Voraussetzungen. Bestes Beispiel stellen die Lektionen 2.x dar, in meinem Tagebuch liebevoll "Brummkreiselei" benannt. Es geht dabei um die Platzrunden, welche grundsätzlich den kürzest möglichen Rundflug darstellen. Eine Platzrunde beinhaltet Start und Landung, diverse Checks und Procedures und Positionsmeldungen sind auch dabei - alles auf engstem Raum (je nach Flugplatz bzw. Flug Platz. Haha, ein Schenkelklopfer). Gemäss meinem Fluglehrer ist das Erlernen der Platzrunde etwas vom Schwierigeren. Entsprechend möchte man das ausgiebig Trainieren. Und genau diesen Teil kann man in zeitgemässen Flugsimulatoren, zwar mit Abstrichen, simulieren.

Was die "guten" Simulatoren alle bieten

  • Diverse detaillierte General Aviation Flugzeuge (Cessna 172, Piper Archer, Diamond Katana etc.)
  • Passables Physikmodell (inkl. Wetter)
  • Passable und geographisch korrekte Umwelt (Gebirge, Dörfer, Flüsse, Wälder, Wolken, Schatten etc.)
  • Unterstützung von gängiger Peripherie (Joystick, Thrustlever, Rudders, VR-Brille/Head-Tracking)

Was nicht oder nur mit zum Teil absurdem Zusatzaufwand realisierbar ist

  • Fotorealistische Grafik
  • Aktuelles und detailliertes Aussehen von Kleinflugplätzen und deren Umgebung
  • Körperlich spürbare Physik (Turbulenzen, Vibrationen etc.)
  • Realistischer Luftverkehr (andere Flugzeuge, Gleitschirme, Luftraumüberwachung usw.)

Was man selbst beisteuern muss:

  • Peripherie (Joystick, Thrustlever, Rudders - Headtracker optional aber empfohlen)
  • Dokumente (VAC, Checklisten, Procedures)
  • Eine gesunde Portion "Nerdigkeit"


Sofern man nun - wie ich - nicht das Glück hat, den genau gleichen Flugzeugtyp im Simulator zu haben wie in der Flugschule, muss halt ein ungefähr ebenbürtiges Flugzeug herhalten. Man wählt dabei eines aus mit ungefähr gleichen V-Angaben (Stall Speed, Flaps Extend Speed). Idealerweise achtet man auch noch darauf, dass das Cockpit ungefähr gleich ist wie das im Schulflugzeug (digital oder analog) und ob man einen Hoch- oder Tiefdecker wählt - je näher am Flugschulflieger desto besser.

Der Rest ist dann mehr oder weniger selbsterklärend - man kann zwar nicht alle Checks genau so ausführen wie im echten Flugzeug, aber zumindest den Check aussprechen und eine Bewegung andeuten. Was problemlos machbar ist, ist der Voice-Teil. Ist halt ein bisschen seltsam, wenn man mit dem Bildschirm spricht, aber wer Flugsimulatoren mit einer solchen Ernsthaftigkeit "spielt" ist von Haus aus schon ein bisschen schrullig. Je nach gewähltem Flugzeug muss man halt im Simulator mit 85 Knoten fliegen (um nicht abzuschmieren), wo man im echten Leben mit 75 Knoten daherkommt. Entsprechend wichtig ist es, dass diese Geschwindigkeiten die höchste Priorität geniessen bei der Wahl des Simulator-Flugzeuges. Wer einen zu schnellen Flieger wählt, kommt mit den Checks und der Funkerei nicht hinterher und landet im Mais. Oder, wie bei mir, wahlweise im Wiggis, Glärnisch oder im Steinbruch der Kalkfabrik. Handkehrum wird's aber wirklich gefährlich, wenn man sich einen langsamen Flieger am PC angewöhnt und dann im echten Leben nicht mehr nachkommt mit den Checks ;-)

Fazit

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Man kommt auf diese Weise durchaus in ähnlicher Art und Weise in's Schwitzen wie im richtigen Flugzeug - lernt aber günstiger und mit deutlich weniger Gefahr. Und man tut sich dahingehend einen Gefallen, als das man irgendwann nicht mehr für jeden Check auf die Checklisten schielen muss.

So Handgelenk mal Pi abgeschätzt würde ich sagen, dass man zum Preis von zwei Flugstunden (~600.-) schon ein sehr gutes Setup zusammen hat (sofern man schon einen einigermassen potenten PC hat), welches einem im Endeffekt ein paar "Festigungsstunden" ersparen kann.

Und was ist mit den Typen, die sich im Keller so verreckte Cockpits nachbauen und sich für Stunden darin verkriechen? Klar, die gibt's auch noch. Aber die trainieren nicht für den PPL-Schein, die fliegen mit Airbus, Boeing und Co über den Atlantik. Das ist im echten Leben um einiges schwieriger zu realisieren als die PPL-Lizenz und entsprechend sind diese Leute auch bereit, viel mehr Aufwand und Geld in dieses Hobby zu investieren. Vielleicht werde ich ja auch mal so ein schrulliger Kauz? Vorläufig reicht mir aber der eine Propeller vor der Nase ;-)